Wesentliche Ergebnisse unserer Untersuchungen im Nordkaukasus sind veröffentlicht worden.
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Reflexionen des Projektjahres 1999


"Bolshoj Tkha'c"-Expeditionen 1996 bis 1999
Entwicklung und gegenwärtiger Stand der interdisziplinären Forschungsreisen
von Dr. Olaf Tietz

Seit 1996 fahren jeden Sommer deutsche Jugendliche, Studenten und Naturwissenschaftler für 3 Wochen in den Nordwesten des Großen Kaukasus, um das Gebiet im Bereich des Bolshoj Tkha'c-Bergmassives aufzusuchen. Trotz der wiederkehrenden Strapazen, wie Klimaumstellung und 1000 m-Anstieg mit schwerem Gepäck, waren wir auch in diesem Jahr wieder oben, um ,,unseren" Berg - in adygeisch bedeutet Tkha'c soviel wie ,,Junger Gott" - aufzusuchen.

Was gab und gibt den Antrieb dazu?

Als erstes die Faszination der nahezu unberührten Bergwelt, die alle erfaßt. Nicht umsonst sind einige schon zum wiederholten Male dabei, manche sogar das vierte Mal. Oben angekommen sind die körperlichen Anstrengungen bald vergessen und weichen der Begeisterung für die Natur und den immer wieder Neues bringenden naturkundlichen Objekten. Der Zoologe bestaunt die kreisenden Geier, die durch alle vier europäische Arten vertreten sind, der Botaniker stürzt sich auf die üppige Flechtenflora, die vor einhundert Jahren auch in deutschen Gebirgen vorkamen und der Geologe präpariert manigfaltige und z.T. gut erhaltene Rifffossilien aus den Kalksteinen als Zeugen der einstigen marinen Entwicklung im Kaukasus vor etwa 220 Millionen Jahren.

Wie kam es überhaupt zu diesen Fahrten und warum immer in dieses Gebiet?

Am Anfang standen angewandte Naturschutzfragen im Mittelpunkt - konkret eine Anfrage und die Einladung von Vladimir Karatajew, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Sozialökologischen Union Russlands in Maikop an Marianne Stockfisch, der Leiterin des Umwelt & Bildung e.V. Brandenburg, deutsche Fachleute zu schicken. Eine angeblich von offizieller russischer Seite betriebene Naturschutzangliederung des Untersuchungsgebiets an das südlich angrenzende Staatliche Kaukasische Biossphärenreservat hatte sich verzögert und war innerhalb der Moskauer Behörden ins stocken geraten. Es ging um Urwaldbestände in den tiefen Tälern des Tkha'c-Massives (die tatsächlich in isolierten Resten vorhanden sind), um sie vor der endgültigen Vernichtung durch unkontrollierten Holzeinschlag zu schützen.

Wie sich später herausstellte standen wir nicht in der Endphase der Naturschutzbemühungen, sondern waren mit die ersten, die sich vor Ort um das dafür notwendige naturkundliche Daten- und Argumentationsmaterial bemühten. Ungeachtet dessen ist seit 1998 die adygeische Hälfte des Gebietes in einen Staatlichen Nationalpark umgewandelt worden - ein Schutzstatus, wie er in der russischen Gesetzgebung gar nicht definiert ist. Dieser ,,Erfolg" steht sicherlich im Zusammenhang mit unseren Fahrten in das Untersuchungsgebiet, auch wenn es von offizieller russischer/adygeischer Seite dazu keine Bestätigung gibt.

Im Laufe der Zeit haben wir uns immer mehr von den Naturschutzfragen und der ursprünglichen Zielstellung abgewandt und verfolgen gegenwärtig nur noch reine wissenschaftliche Aufgabenstellungen mit dem Ziel, eine umfassende naturkundliche Dokumentation über das Untersuchungsgebiet zu erstellen. Es liegen bereits Erfassungen zur Botanik, insbesondere den Flechten aber auch höheren Blütenpflanzen, zur Ornithologie, zur Herpetologie, zu einigen ausgewählten Insektengruppen, zum Waldbestand und zur Forstwirtschaft sowie zur Geologie, Spaeologie und Bodenkunde vor. In diesem Jahr wurden erstmalig Kleinsäuger erfaßt.

Darüber hinaus laufen Arbeiten zum Tourismus im Gebiet. Es geht um die Ausarbeitung von Entwicklungskonzeptionen für einen ökologischen Tourismus, wodurch die bei der Naturschutzausweitung bedingten Erwerbsausfälle der Einheimischen für Holzeinschlag und Wilderei kompensiert werden sollen. Ob der Tourismus zu einer neuen Erwerbsquelle werden kann und für die Einwohner vor Ort neue Arbeitsmöglichkeiten bringt, ist aufgrund ökonomischer Zwänge und widersprüchliche Interessenlagen völlig unklar. Auch die Folgen eines verstärkten Tourismus für die Region sind nicht abschätzbar, beispielsweise wenn er Ausmaße wie in den Alpen annimmt. Nachdenklich stimmen uns auch die Beobachtungen, daß durch die in den letzten Jahren völlig zum erliegen gekommene Bergweidewirtschaft die Almwiesen und viele traditionell angelegte Wege zunehmend zuwachsen und verkrauten. Hirtenpfade, die wir noch aus den ersten Jahren kannten sind teilweise schon völlig verschwunden.

Im Laufe der Jahre erkannten wir immer mehr, daß die Zusammenhänge zwischen Natur und Mensch weitaus komplexer und sensibler sind, als wir anfangs dachten, zumal sie von völlig anderen gesellschaftlich-politischen Verhältnissen als bei uns abhängen. Eingriffe in die Region, egal in welcher Richtung werden mit Sicherheit nicht voraussehbare Folgen haben. Aufgrund des unsicheren politischen Rahmens wird es auch keine Garantien für verläßliche Kontrollmechanismen geben. Daher setzen wir gegenwärtig unsere wissenschaftlichen Arbeiten ohne eine unmittelbare, praktische Zielstellung fort. Es soll ,,lediglich" für die Region eine wissenschaftliche Dokumentation über den gegenwärtigen Zustand der Natur sicher gestellt werden. Es ist beabsichtigt unseren aktuellen Wissensstand zum ,,Tkha'c" im nächsten Jahr durch eine Broschüre zu dokumentieren, woran auch russische uns adygeische Freunde sowie offizielle Einrichtungen beteiligt sein werden.

Görlitz, den 4.11.99